Man deckt das Dach, wenn die Sonne scheint

Wir leben gerade in schwierigen Zeiten. Die Welt scheint wieder einmal durchzudrehen. Und niemand scheint genau zu wissen, wer die Bösen und wer die Guten sind. Ich möchte an dieser Stelle auch keine Wertung abgeben. Krisen- und Kriegszeiten führen einen aber auch immer schonungslos vor Augen, dass die Welt voller Risiken ist. Was mich als Geschäftsführer der PKSW beschäftigt, ist die Frage nach den Risiken für unsere Pensionskasse und somit für Sie als Versicherte oder Versicherter und was wir tun können, diese soweit als möglich im Griff zu haben.

Doch was genau ist eigentlich ein Risiko? Der Duden meint: «Unter einem Risiko versteht man die Möglichkeit einer negativen Entwicklung, die aus unsicheren zukünftigen Ereignissen entsteht und mit nachteiligen Auswirkungen verbunden sein kann.» Doch verbergen Risiken nur Negatives? Im englischen Sprachgebrauch des Wortes «risk» wird im Gegensatz zum deutschen Sprachgebrauch «Risiko» immer auch eine positive Auswirkung verbunden, also das, was wir Chancen nennen. Oder vereinfacht gesagt: Wer wagt, gewinnt.

Wenn es so einfach wäre. Einfach etwas wagen und dann gewinnen. Jede und jeder weiss, dass das Sprichwort genau so gut «wer wagt, verliert» heissen könnte. Da aber keine Risiken einzugehen auch keine Option ist – wer will sich schon Tagaus Tagein zu Hause verkriechen, um sich kein Bein zu brechen – bleibt allen von uns, nur die Möglichkeit, sich den eigenen Risiken bewusst zu sein und die Gefahren, die im Leben immer lauern, möglichst gut zu «managen». Das eingedeutschte Wort «managen» bedeutet so viel wie steuern, verwalten, bewältigen und überwachen.

Doch was genau ist gemeint mit dem «Managen» von Risiken? Ich mache ein Beispiel: Sie fahren jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit und am Abend wieder nach Hause. Ich glaube es ist unbestritten, dass der Arbeitsweg mit Risiken verbunden ist. Doch wo lauern sie genau? Beim Risikomanagement geht es zuerst darum, sich möglichst allen Risiken bewusst zu machen. Oder wie wir bei der Pensionskasse sagen ein Risikoinventar zu erstellen.

Ich habe ChatGPT gefragt, ob es mir ein Risikoinventar für «Arbeitsweg mit dem Fahrrad in der Stadt Winterthur» erstellen könne. Ich verschone Sie hier mit den 140 Einzelrisiken, die es mir detailliert aufgelistet hat. Wen man diese zusammenfasst, sind es immer noch 12 verschiedene Risikokategorien, nämlich:

  1. Vekehrkollisionen
  2. Selbstunfälle
  3. Infrastrukturmängel
  4. Wetter und Sichtverhältnisse
  5. Technische Defekte
  6. Menschliches Fehlverhalten
  7. Gesundheitliche Vorfälle
  8. Diebstahl und Vandalismus
  9. Rechtlich und versicherungstechnische Risiken
  10. Soziale Konflikte und Belästigungen
  11. Umwelteinflüsse und externe Störungen
  12. Finanzielle Folgen von Sachschäden

Ich habe es nicht im Detail überprüft, ob hier wirklich alle Risikofelder abgedeckt sind, Tatsache ist jedoch, selbst alltäglichen Dinge, sind mit einer Vielzahl von Risiken behaftet. Die meisten der genannten Risiken sind uns sehr wohl bewusst und wir sorgen vor, dass sie möglichst nicht eintreten oder wenn wir das Risiko eingehen, schauen wir, dass wir die Auswirkungen selber tragen können oder wälzen es auf andere ab, z.B. mit einer Versicherung.

Im konkreten Fall stellen wir sicher, dass das Fahrrad fahrtüchtig ist und über die nötige Ausstattung verfügt. Auf der Fahrt achten wir auf eine möglichst sichere Route, fahren vorausschauend und halten die Verkehrsregeln ein. Wir fahren nur dann, wenn wir im Vollbesitz der eigenen Kräfte sind, sichern das Fahrrad immer mit einem hochwertigen Schloss an eine festmontierte Verankerung und schliessen die nötigen Versicherungen ab gegen Diebstahl, Unfälle und vielleicht sogar noch eine Verkehrrechtsschutzversicherung. Aber wer ist schon fehlerlos? Und selbst wenn wir alle obigen Punkte konsequent einhalten, bleiben überall Restrisiken, die wir «managen» müssen, ob wir wollen oder nicht.

Ziel ist es, Risiken zu vermeiden oder zu vermindern. Ist dies nicht möglich, müssen wir sie entweder selber tragen oder auf andere abwälzen.

Bei einer Pensionskasse wie der PKSW, funktioniert das Risikomanagement genauso. Als Erstes müssen die Risikofelder erkannt werden, dies sind die Vermögensanlagerisiken, die Zinsrisiken, das Ansteigen der Lebenserwartung oder die Risiken bei Auszahlung von Renten, um nur einige zu nennen. Im Anschluss werden die Risiken weiter aufgeschlüsselt, detailliert beschrieben und die Eintrittswahrscheinlichkeit und das Schadenausmass geschätzt, sowie geschaut ob man es selber tragen, vermindern, verhindern oder abwälzen kann. Danach werden Überwachungsmassnahmen definiert, welche einer verantwortlichen Person zugeteilt werden, welche die Kontrolle in einer bestimmten Periodizität durchführen und protokollieren muss. Selbstverständlich ist das Risikomanagement bei der PKSW komplexer als im Beispiel mit dem «Arbeitsweg mit dem Fahrrad», weil es sich um eine Vielzahl von Risiken handelt, viele Personen als Team zusammenarbeiten, die potentiellen Schäden um ein X-Faches grösser sind und letztlich die Altersvorsorge von über 10’000 Personen auf dem Spiel steht.

John F. Kennedy hat in einer Rede ans amerikanische Volk im Januar 1962 nach der US-Rezession in den Jahren 1960/1961 das Sprichwort geprägt: «Man deckt das Dach, wenn die Sonne scheint.» was so viel bedeutet wie, sich in guten Zeiten auf das Eintreten von Risiken in einer Krise vorzubereiten. Dies gilt nicht nur für das mit dem Fahrrad-zur-Arbeit-fahren sondern auch für das Verwalten einer Pensionskasse.

Stephan Keller
Vorsitzender der Geschäftsleitung


Stephan Keller leitet die Pensionskasse der Stadt Winterthur seit August 2020.

Der 59-jährige bringt über 30 Jahre Erfahrung in der beruflichen Vorsorge mit, ist Betriebsökonom FH und hat einen Masterabschluss in Customer Relationship Management der ZHAW. Keller bezeichnet sich als kompetenten, kommunikativen und kreativen Brückenbauer innerhalb der 2. Säule.